„das seit Auschwitz nichts geschehen ist, […], was Auschwitz widerlegt hätte“

„Dos lid geshribn iz mit blut un nit mit blay,
S’iz nit keyn lidl fun a foygl af der fray,
Dos hot a folk tsvishn falndike vent
Dos lid gezungen mit naganes in di hent“

In etwa folgende Rede hielt Utopia gestern auf der Kundgebung am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 27.01.2021 am Synagogengedenkstein in Frankfurt (Oder) – danke an das Friedensnetz und an die VVN-BdA für die Ermöglichung dieses Gedenkens.

Moin, Moin geehrte Anwesende, Moin geehrte Mitstreiter*innen

Ich spreche heute in Namen des Utopia e.V. und auch als Mitglied der Erinnern und Gedenk-AG von Utopia. Wir haben gerade die Vorbereitungen einer Gedenkstättenfahrt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Auschwitz abgeschlossen und werden, sobald die Pandemie es zulässt, in dieses ehemalige Vernichtungslager fahren, welches vor 76 Jahren befreit wurde und dessen Befreiung wir heute gedenken. Ich kann hier nur einen kurzen Impuls aus diesen Vorbereitungen geben:

Der Utopia e.V. versteht sich als antifaschistische und auch emanzipatorische Träger*in der Jugend- und Kulturarbeit und ob in lokalen und überregionalen Bündnissen, auf Demonstrationen für Seebrücken oder gegen Corona-Antisemit*innen, auf Freizeiten, auf Thementagen zu Nationalismus und Heterosexismus, in geplanten Schüler*innencafés oder eben der bereits erwähnten Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz, versucht Utopia vor allem mit Jugendlichen und junge Erwachsenen den Nazismus mit all seinen Fundamenten aufzuheben und eine solidarische und friedliche Welt für Alle zu errichten, sodass die Utopien endlich Wirklichkeit werden.
Nun ist der heutige Anlass jedoch eine Dystopie, eine die gar zur Metapher geworden und sich Auschwitz nennt. Und nicht, dass dieses Lager befreit wurde, sondern dass es nie errichtet hätte werden dürfen, ist wohl mein persönlicher Impuls, wenn ich heute an die Opfer und den Holocaust erinnere.

Imre Kertész, Auschwitzüberlebender merkte bei seiner Rede zu Verleihung seines Literaturnobelpreises an, dass wenn wer über Auschwitz schreibt (oder wohl auch eine Rede hält), Auschwitz die Literatur in einem bestimmten Sinne aufhebt, dass über Auschwitz, so meint er, nur mit düsteren Fortsetzungsromanen geschrieben werden könne, ein Fortsetzungsroman: „der in Auschwitz beginnt und bis zum heutigen Tag dauert. Womit ich sagen will, dass seit Auschwitz nichts geschehen ist, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte.“
Zwischen dieser Rede Imres und heute sind 20 Jahre vergangen, und zwischen heute und der Befreiung von Auschwitz genau 76 Jahre. Und er will sagen: „dass seit Auschwitz nichts geschehen ist, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte“
Und was ist bisher geschehen, das Auschwitz aufgehoben oder widerlegt hätte? Von ausgebliebenden oder ausbleibenden Reparationszahlungen, Großfamilienclans die sich im NS bereicherten und bis heute  großteilig DAX-Unternehmen besitzen, offen getragene Wehrmachtstattoo hier direkt in der Innenstadt oder volksverhetzende Anträge in der Stadtverordnetenversammlung über Fahrlizenzen.

Oder ganz soziologisch abstrakt gesprochen, was hat sich an den ökonomischen und sozialen Verhältnissen von 1932 geändert? Heterosexismus, Rassifizierungen, Eigentumsverhältnisse, ein antisemitisches Verständnis über jene Verhältnisse: Geändert hat sich, dass der Holocaust geschehen ist, was doch aber nicht meint, dass dieser abgeschlossen sei und auch nicht, dass „so etwas“ nie wieder passieren könne.

So will ich in dieser Rede jedoch nicht einzig den Impuls des Erinnerns an die Opfer des Holocausts aufbringen, sondern auch gedenken  – also einen Impuls der in die Zukunft gerichtet ist, formulieren.
Denn was meint dies Zitierte spezifisch für Jugend- und Kulturarbeitende, dass Auschwitz weder widerlegt noch unmöglich geworden ist. Was meint dies insbesondere, wenn Träger*innen von emanzipatorischen und demokratischer Soziokultur angegriffen werden, und jene die eine erinnerungspolitische Wende um 180° verlangen, uns und anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen sämtliche Fördermittel streichen wollen.

Als emanzipatorischer Jugend- und Bildungsarbeiter sehe ich jedoch meine Aufgabe nicht in der Beantwortung von Fragen (und diese wären auch zu groß für mich alleine). Ich sehe den Bildungserfolg ja auch eher, wenn aus einer Frage zahlreiche weitere Fragen entstehen. Auf die Frage, was also zu tun ist, wenn Faschist*innen wieder versuchen zur alten Stärke zu gelangen, möchte ich abschließend also ein Gedicht von Brecht vorlesen, welches er auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus und an schwankende Mitstreiter*innen geschrieben hat:

An den Schwankenden

Du sagst:
Es steht schlecht um unsere Sache.
Die Finsternis nimmt zu.
Die Kräfte nehmen ab.
Jetzt, nachdem wir so viele Jahre
gearbeitet haben, sind wir in
schwierigerer Lage als am Anfang.

Der Feind aber steht stärker da denn jemals.
Seine Kräfte scheinen gewachsen.
Er hat ein unbesiegliches
Aussehen angenommen.

Wir aber haben Fehler gemacht,
es ist nicht zu leugnen.
Unsere Zahl schwindet hin.
Unsere Parolen sind in Unordnung.
Einen Teil unserer Wörter
hat der Feind verdreht
bis zur Unkenntlichkeit.

Was ist jetzt falsch von dem,
was wir gesagt haben?
Einiges oder alles?
Auf wen rechnen wir noch?
Sind wir Übriggebliebene,
herausgeschleudert aus dem lebendigen Fluß?
Werden wir zurückbleiben?
Keinen mehr verstehend und
von keinem verstanden?
Müssen wir Glück haben? So fragst du.

Erwarte keine andere Antwort als die deine.

In diesem Sinne: geehrte Anwesende, geehrte Mitstreiter*innen: Auf die Frage was zu tun ist für die Jugend- und Bildungsarbeit, was zu tun ist, wenn Faschist*innen und Antisemit*innen in Regierungsbeteiligung wollen, erwartet 76 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz keine Antwort von mir – erwarte keine Antwort als die deine!


Abbildung 1: Anfrage der AfD in der Stadtverordnetenversammlung vom 23.11.2020